Missionarisches Epos

MISSIONARISCHES EPOS UNTER DEN ZIGEUNERN

 

Mit Clément Le Cossec

Eine von Farid Djilani-Sergy geführte Unterhaltung

http://www.paroles.ch/ (Radio Réveil)

I – EIN HILFERUF

Farid Djilani-Sergy : Clément Le Cossec, Sie sind der Gründer der Evangelikalen Zigeunermission. Diese ist in den fünfziger Jahren nach einer geistlichen Erweckung unter dem Zigeunervolk, in allen Stämmen, entstanden. Sie schätzen im Jahr 1996, dass ungefähr 500 000 Zigeuner in Europa zum Glauben an Jesus Christus gekommen sind.

Erste Frage : Warum haben Sie sich für diese Bevölkerung, die doch so schlecht angesehen wird, eingesetzt ?

Clément Le Cossec : Ich glaube zuerst, dass es tatsächlich richtig ist zu betonen, dass die verschiedenen Zigeunerstämme – Manousch, Roma usw. – ein einziges Volk bilden. Ein Volk, das sich am Rand unserer Gesellschaft befindet – wie Sie es sagten – das aber seine eigenen Sitten, seine Dialekte oder Sprachen, seine Geschichte besitzt.

Warum habe ich mich diesem Volk zugewandt, eher als den Bretonen, denen ich ursprünglich das Evangelium bringen wollte ?

Um es zu verstehen, muss man auf das Ende des Ersten Weltkrieges zurückkommen, auf das Jahr 1946. Ich war damals 25 Jahre alt. Ein junger zwanzigjähriger Zigeuner ist in die Gemeinde in Lille gekommen, deren Pastor ich war. Er hat mich dringend gebeten, zu seiner kranken Mutter zu kommen. Als ich in dieses armselige Haus eintrat, lag die Mutter auf einer Matratze direkt auf dem Boden (das ist mir aufgefallen). Ich bin neben sie niedergekniet, ich habe ihr von Jesus Christus, von seiner Liebe und von seiner Heilkraft erzählt. Sie glaubte und Christus hat sie geheilt. Der junge Mann war Musiker, aber seine Gitarre hatte keine Saiten. Ich gab ihm die Möglichkeit, seine Gitarre zu reparieren und bat ihn dann, in der Kirche, um die ich mich kümmerte, zu spielen. Er ist gekommen und hat mir später andere Zigeuner vorgestellt.

Das war mein erster Kontakt mit diesem Volk, das in Wohnwagen lebt. Der Krieg war zu Ende, sie haben sich also wieder auf den Weg gemacht, nachdem man sie aus den Lagern befreit hatte. Ich war also einen Monat mit ihnen, habe für den einen oder anderen Kranken gebetet. Die Heilung der Mutter des jungen Zigeuners hatte sich herumgesprochen. Ich gab ihnen die Gelegenheit, in der Gemeinde von diesen Heilungen zu bezeugen, und einen Monat später waren sie fort. Ich habe sie vergessen, das Leben nahm wieder seinen normalen Lauf, wenn ich das so sagen darf.

Die Geschichte wiederholt sich

Einige Jahre später, im Jahre 1950, habe ich eine andere Zigeunerfamilie getroffen, aber diesmal in der Normandie, genau in Lisieux. Ich traf eine Zigeunerfrau, deren Geschichte man mir erzählte : ein biblischer Hausierer, Herr Roger, hatte einen Tisch auf dem Marktplatz. Eine Zigeunerin des Manouchstammes, Marie-Jeanne Duvil – man nannte sie Azi – bekam einen Prospekt, auf dessen Rückseite die Adresse einer evangelikalen Kirche der Stadt stand. Kurz danach wurde ihr Sohn krank. Der Arzt erklärte, dass keine Hoffnung auf Genesung mehr bestand. Sie erinnerte sich an den Prospekt, ließ sich die Adresse vorlesen und kam in die Kirche. Sie weinte viel. Der Pfarrer der Kirche erkundigte sich nach der Situation und ging mit ihr ins Krankenhaus. Die ganze Kirche betete für die Genesung des Sohnes und der Herr machte auch hier ein Wunder. Der junge Mann wurde wieder gesund. Die ganze Familie kam zum Glauben an Jesus Christus.

Zwei Jahre später fand ich in Brest einige wieder, die sich in Lisieux bekehrt hatten. Sie waren verzweifelt, weil kein Pfarrer sie durch vollständiges Untertauchen taufen wollte.

Sie glaubten, waren aber nicht gesetzlich, nach dem französischen Gesetz, verheiratet. Die Heiratsurkunde war schwer zu erhalten, weil man mindestens 21 Tage in der Gemeinde wohnen musste. Aber die Gendarmerie verjagte sie jeden zweiten Tag ! Ein junger achtundzwanzigjähriger Zigeuner, den man Mandz nannte, sagte mir : „Da die Pfarrer uns nicht taufen wollen, habe ich beschlossen, mit meiner Frau Pounette an einen Fluss zu gehen. Ich werde meine Bibel aufs Gras legen. Ich kann nicht lesen, aber ich weiβ, was darin steht : Wer glaubt und getauft wird, wird gerettet werden.“ (1) Danach werde ich meine Frau taufen und Pounette wird mich taufen.“

Als ich das hörte, war mein Herz gerührt. Ich konnte meine Ohren vor diesem Hilferuf nicht schlieβen. Von nun an half ich den Zigeunern. Einige sind zum Glauben gekommen, wir haben sie im Meer getauft und die Erweckung verbreitete sich sehr schnell.

Ein Jahr später hatten sich einige Hunderte Zigeuner bekehrt. Sie verlangten Diener Gottes, die sie lehren konnten, aber es gab keine. Ich war in die Bretagne gekommen, um eine Pionierarbeit unter den Bretonen zu machen, denn es gab nur zwei evangelikale Kirchen für drei Millionen Einwohner in diesem weiten Gebiet Westfrankreichs.

Und nun stand ich vor dieser wandernden Bevölkerung, die mich um Pastoren bat. Ich berief mich auf die Vorschriften des Apostels Paulus, der seinem Mitarbeiter Titus schrieb, damit dieser Älteste in den neu gegründeten Gemeinden einsetze (2). Mir schien, dass wir denselben Weg einschlagen mussten.

Ich fragte die Christen unter den Zigeunern, wer von ihnen Gott dienen wolle. Vier junge Männer, die Pastoren werden wollten, meldete sich. Sie wurden als solche ernannt. Sie lernten lesen und ich habe ihnen biblischen Unterricht erteilt. Sie haben mit groβer Begeisterung die frohe Botschaft von Jesus Christus unter ihrem Volk verbreitet. Sie waren mit dem Heiligen Geist gefüllt und der Herr begleitete sie, indem Er die Kranken heilte.

Massenhafte Bekehrungen

Sechs Jahre nach diesem Treffen in Brest 1952 waren schon dreitausend Zigeuner zum Galuben an Jesus Christus gekommen. Die Bedürfnisse waren groβ, was sollten wir tun ? Ich hatte dazu beigetragen, in verschiedenen Städten der Bretagne Gemeinden zu gründen. Ich habe junge Pastoren getroffen, die bereit waren, die Verantwortung dieser Gemeinden zu übernehmen. Meinerseits hatte ich eine Menge zu tun, aber ich habe damals „den Schritt des Glaubens“ gemacht. Mit Hilfe des Evangelisten Douglas Scott war die Gemeinde von Rennes gegründet worden. Ich habe sie einem jungen Pastor überlassen und bin dem Volk der Zigeuner auf den Straβen gefolgt. Welche Entdeckungen ! Ich musste hier die Sitten und Lebensweise, die Sprache dieses Volkes lernen, um akzeptiert zu werden. Das hat viel Zeit beansprucht.

Die Zigeunerfamilien reichen über Grenzen hinaus. Ein Cousin lebt in Paris, der Neffe in New-York, die Eltern in Stockholm oder Buenos Aires. Die Evangelisation hat mit Europa angefangen : Belgien, Holland und Deutschland, aber auch Spanien, Portugal und Italien. Ich nahm mit mir junge Prediger, die ich ausbildete.

- Diese unersättliche Mobilität der Zigeuner war schlieβlich ein Vorteil für die Verbreitung des Evangeliums.

- Ja, und diese missionarische Arbeit geht noch heute weiter, besonders in den Ostländern. Wir mussten auch viel weiter gehen, nach Kanada, in die Vereinigten Staaten, nach Mexico oder Argentinien. Ich bin in 44 verschiedene Länder gereist und habe dort dem Volk der Zigeuner die Botschaft des Evangeliums gebracht. Danach habe ich ihnen geholfen, christliche Gemeinden zu bilden und Männer auszubilden, die sie übernehmen können.

Ein geteiltes Schicksal

- Sind es nur die Umstände, die Sie dazu bewogen haben, in dieses bestimmte Ministerium einzutreten ?

- Als ich mich im Alter von 14 Jahren in der Stadt Le Havre bekehrte, habe ich meiner Mutter gesagt : „Wenn ich groβ bin, werde ich den Armen das Evangelium mitteilen !“ Ich hatte dieses Anliegen auf dem Herzen, weil unsere Familie auch sehr arm war. Wir hatten auch das Leid, die Not und die Krankheit gekannt. Mein Vater war Fischer. Er war als Beschädigter aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt. Er war dann Wächter auf dem Leuchtturm der Jument auf der Insel Ouessant. Dann wurde er in die Normandie versetzt. Wir waren als Bretonen ein bisschen verachtet worden. Meine Mutter trug die bretonische Tracht mit der Haube. Sie hat sich anders anziehen müssen. Sie hat unter dieser Lage sehr gelitten. Meinerseits hatte mir auch ein Lehrer eine unangenehme Bemerkung über die Bretonen gemacht. Ich konnte die Ausgrenzung und die Verachtung verstehen, die die Zigeuner ertragen musste. Als wir Christus in den evangelikalen Treffen in der Stadt Le Havre annahmen, wurde alles anders. Wir kannten von nun an ein glückliches Leben.

Ich wollte dieses Glück mit den Ärmsten teilen. Ich erhielt einen biblischen Unterricht und setzte mein Studium fort, bis der Krieg ausbrach. Es war im Jahre 1939. Man fragte mich, ob ich nicht die einberufenen Pastoren vertreten wollte. Ich habe das Angebot angenommen, das war auch ein Schritt des Glaubens, ein Abenteuer. Ich gab die Vorbereitung auf einen zukünftigen Beruf, auf eine festgelegte Laufbahn auf. Als ich die Zigeuner traf, von denen ich erzählte, habe ich festgestellt, dass sie verwiesen, verachtet, verlassen und arm waren. Ich dachte : „Ich muss ihnen helfen.“ Ich habe keine besondere Offenbarung erhalten. Nein, es bestanden Bedürfnisse, man musste darauf antworten. Der Prozess begann vor allem, als mich die Zigeuner aus Brest um Hilfe baten. Ich war einigermaβen in der Lage des Apostels Paulus, der auf den Hilferuf des Mazedoniers (3) antworten musste. Es mussten „fahrende Gemeinden“ (so wie man sie nannte) gegründet werden.

ll – Eine fahrende Gemeinde

- Sie waren seßhaft und sind Reisender geworden. Sie sind etwa dreiβig Jahre alt, verheiratet und haben Kinder, die Sie ernähren müssen. War das nicht zu schwierig ?

- Die Entscheidung, dem Weg der Zigeuner zu folgen, wurde nicht leichtsinnig getroffen. Wir hatten die Sicherheit eines Lohnes, den Komfort, den sogar Pastoren haben, die für eine Gemeinde verantwortlich sind. Wir hatten überhaupt keine Sicherheit. Wir konnten uns nicht auf die Zigeuner verlassen, die sehr arm waren. Wir sollten ihnen helfen, nicht umgekehrt. Es stellte sich nicht nur die Frage der Ernährung. Wir mussten nämlich auch reisen, manchmal über Hunderte von Kilometern. Aber im Laufe all dieser Jahre war der Herr immer da. Freunde haben sich dieses missionarischen Werkes angenommen.

Eine volltreffliche Organisation

Wurden Sie in der weiten Gemeinschaft der Zigeuner gut empfangen und eingegliedert ?

Ja, es gab keinerlei Schwierigkeiten. Sie empfanden einen tiefen Durst nach Gott und wollten Jesus Christus sehnlichst folgen, infolgedessen hatten sie auch einen groβen Respekt mir gegenüber. Im Grunde wurde ich als Gesandter Gottes betrachtet, ohne dass ich ein väterliches Verhalten zu äuβern hatte. Alles geschah in einem gegenseitigen Vertrauen. Ich habe dazu beigetragen, Männer auszubilden, die die Evangelisationsarbeit mitten unter ihrem Volk übernahmen, so dass ich mich zurückziehen konnte. Ihnen übergab ich die Verantwortung. Sie hatten genügend biblischen Unterricht erhalten, so waren sie im Stande, die Botschaft weiterzugeben. So hatte es der Apostel Paulus geraten. So hatte es auch Jesus selber mit Seinen Jüngern und zukünftigen Aposteln getan. Jesus hatte sie nach drei Jahren Ausbildung auf die Straβen geschickt.

Deshalb war eine kleine fahrende Bibelschule gegründet worden, aber die Berufungen wurden immer zahlreicher. Wir mussten deswegen ein kleines Gut kaufen, um alle zukünftigen Prediger zu empfangen. 1996 hatten wir zum Beispiel 220 Studenten. Eine Bibelschule hat auch in Indien ihre Türen geöffnet, eine andere wird zur Zeit gebaut. Der zukünftige Prediger erhält einen biblischen Grundunterricht vier oder sechs Monate lang. Dann wird er drei Jahre lang unter die Verantwortung älterer Prediger gestellt, die eine gute Erfahrung des Wortes Gottes, der Bibel, haben. Nach dieser Ausbildungszeit wird er, wenn er im Stande ist zu lehren und wenn man von ihm ein gutes Zeugnis ablegt, als Prediger angenommen. Wenn er älter ist, wird er selber auch für jüngere Prediger verantwortlich sein. Zuerst musste diese Basis gelegt und von einigen erprobt werden.

Wie lange braucht man, um einen zukünftigen Diener Gottes gut auszubilden ?

- Sehr lange. Mindestens zehn Jahre … Junge Menschen hatten sich am Anfang der Erweckung bekehrt. Sie waren zwischen zwanzig und dreiβig Jahren. Mit vierzig hatten sie eine zehnjährige Erfahrung und die Arbeit konnte erweitert werden, als sie selber andere haben ausbilden können. Die Evangelikale Zigeunermission wird heute von den Zigeunern selbst geleitet, sowohl in Frankreich als auch in Spanien oder Indien.

Wie viele Pastoren oder Prediger zählt die „Mission“ ?

- Sie sind zur Zeit 6 000 nur in Europa. Wenn man bedenkt, dass sie damals bei dem Treffen in Brest nur vier waren ! Sie sind 4 000 in Spanien, 2 000 im übrigen Europa. Frankreich zählt 1 000. Man muss auch die Prediger dazurechnen, die in den Vereinigten Staaten oder in Indien sind. Dort hat das Werk vor dreiβig Jahren ungefähr begonnen. Man weiβ, dass die Zigeuner ursprünglich aus diesem Gebiet kamen. 1966 nahm ich Kontakt mit den indischen Zigeunern Kontakt und besuchte sie.

Ich fuhr durch die Dörfer und sah ihr Elend. Ich wollte ihnen unbedingt helfen. Es gibt jetzt mehr als 250 Zigeuner, die in Indien Prediger sind und offizielle Statistiken der Regierung ergeben, dass es 60 000 Zigeunerdörfer gäbe. Es ist ein groβes missionarisches Werk, für das man nur mit höchster Begeisterung wirken kann. Man fühlt sich nützlich. Diese armen Zigeuner dürsten es nach Gott.

Ein Volk auf der Suche nach Gott

Zu welcher Religion gehören die nicht-christlichen Zigeuner ?

- Im Allgemeinen haben sie die Religion des Landes angenommen, durch das sie ziehen. In Indien sind sie hinduistisch, in anderen Ländern sind sie muslimisch, in Osteuropa oder Russland sind Orthodoxen, in Finnland Lutheraner. In Frankreich sagen sie meistens, dass sie Katholiken sind.

Soll es bedeuten, dass es für sie nur eine Scheinreligion ist ?

- Schwer zu sagen. Aber man muss schon zugeben, dass sie ihre Religion nicht besonders ausüben, auch wenn ein Teil von ihnen zum Beispiel an Wallfahrten teilnimmt.

Sie haben also keine Religion, die ihnen eigen wäre ?

- Nein, nicht wirklich. Sie glauben an einen Gott, der über allen steht und der verschiedene Namen trägt, je nach den Stämmen. Meine Mission hat vor allem darin bestanden, ihnen Jesus Christ zu verkünden. Es handelte sich keineswegs darum, ihnen eine moralische Predigt zu halten und ihnen zu sagen, dass sie nicht mehr trinken, lügen, stehlen, wahrsagen sollten. Ich wusste, dass sich alles in ihrem Leben ändern würde, sobald sie Christi Botschaft annehmen würden, denn so ist es mit jedem Mann oder mit jeder Frau, der/die Ihm sein/ihr Leben anvertraut. Die Veränderung im Benehmen konnte nur das Werk Christi sein.

Wie haben Sie sich verständigt ?

- In Frankreich auf Französisch, in Indien auf Englisch, aber wir hatten immer Dolmetscher. Die Zigeunerprediger sprechen meistens drei Sprachen : Englisch, die Sprache des Staats, in dem sie leben, und ihren eigenen Dialekt, der mit Ausdrücken, Syntaxformen und Wörtern der verschiedenen Gastländer ergänzt wurde.

Tiefgreifende Veränderungen

Wie drückt sich konkret die groβe Bereitschaft aus, das Evangelium anzunehmen, die Sie festgestellt haben ?

- Man kann nicht behaupten, dass alle Zigeuner, wie man es vielleicht noch denkt, Räuber und Hühnerdiebe sind. Das sind Klischees. Ich habe ruhige, intelligente, friedliche Leute ohne Probleme getroffen. Andere waren tatsächlich Räuber, wie man welche überall findet, unter allen Völkern der Erde. Zum Beispiel sagte mir eine Zigeunerin, dass sie das Gefühl hatte, dass in ihrem Wohnwagen der Himmel war, und nicht mehr die Hölle, seitdem sich ihr Mann bekehrt hatte. Früher kehrte er um drei Uhr nachts nach Hause, er war betrunken und verprügelte sie. Jetzt bringt er ihr morgens den Kaffee ins Bett ! Da kann man schon von einer tiefgreifenden Veränderung sprechen. Die Leute, die keine Zigeuner waren, staunten vor solchen Veränderungen. Man kam manchmal von weitem, um diese Leute zu sehen, vor denen man meistens Angst hatte und die sich jetzt so friedlich zeigten.

Als ich klein war, kam es vor, dass meine Mutter auf Zigeuner mit dem Finger zeigte und dabei verärgert gegen mich sagte : „Siehst du diese Zigeuner dort ? Die werden dich holen !“ Sie ist auch dem Klischee erlegen, dass Zigeuner Kinder stehlen. Wenn Sie mitten unter Zigeunern sind, können Sie Zigeunerfrauen hören, die ihrem Kind sagen : „Sei brav, sonst wird dich der Gadjo dort marav“, anders gesagt, der Mann dort, der kein Zigeuner ist, wird dich verhauen. Das Misstrauen ist, wie man sieht, gegenseitig.

Wenn jemand zum Glauben an Jesus kommt, verschwinden diese Vorurteile. Normalerweise ! Man muss immer sein Inneres reinigen ! Aber im Allgemeinen ist das Leben eines Menschen, der sich Jesus Christus anvertraut hat, verändert, sei er Gadjo oder Zigeuner.

- War die Bekehrung der Zigeuner ein Faktor der Integration innerhalb der Kirche, aber auch allgemeiner innerhalb der Gesellschaft ?

Ja, obwohl es noch ein gewisses Zögern von einigen Gadje gibt, über die Frage der Heirat zum Beispiel. Soweit ich das einschätzen kann, gibt es meiner Ansicht nach keine Probleme in den brüderlichen Beziehungen. Die Zigeuner werden heute in den Kirchen empfangen.

Als der Wunsch danach, seßhaft zu werden, deutlich wurde, haben wir unsere eigenen Gemeinschaften gegründet.

Rassistische Überlegungen oder ein eventueller Apartheid-Wille haben mit dieser Entscheidung nichts zu tun. Wir hatten nur Folgendes festgestellt : wenn sich mehr als hundert frischbekehrte Zigeuner einer kleinen christlichen Gemeinde, die aus fünfzig Menschen besteht, anschlieβen, dann entstehen ernsthafte Probleme, auch wenn jeder sein Bestes tut.

Vier oder fünf Personen können sich leicht in eine Gruppe integrieren, aber bei einer höheren Zahl, ist die Anpassung schwieriger. Wegen der Zahl der Zigeuner sind Zigeunergemeinden entstanden.

In Frankreich ist die Hälfte der Zigeunerbevölkerung zum Glauben an Jesus Christus gekommen. Wenn 50% der französischen Bevölkerung sich bekehren würde, wäre das fabelhaft ! Wir haben zur Zeit mehr als hundert Gemeinden auf französischem Boden, zwölf von ihnen sind im Pariser Raum.

Seit zwanzig Jahren gehört die Evangelikale Zigeuner Mission zur Französischen Evangelischen Föderation. Man kann sagen, dass die christlichen Zigeuner sich den anderen geöffnet haben und die brüderliche Einigung suchen.

Nicht selten predigen Zigeunerpastoren in reformierten oder in anderen konfessionellen Gemeinden. Unsere Beziehungen mit den gesamten evangelikalen Kirchen sind gut.

III – EIN GLAUBE, DER BERGE UMWIRFT

- Was bringen bekehrte Zigeuner Besonderes der Kirche und der Welt im Allgemeinen ?

Was bei den Zigeunern auffällt, ist ihr Glaube. Man könnte von einem Köhlerglauben, von einem blinden Glauben, sprechen. Der Zigeuner ist wie ein Kind, sein Glaube ist rein, in dem Sinn dass er total ist. Er sagt sich oft : „Wenn der Herr es gesagt oder versprochen hat, so muss es sich verwirklichen.“

Biblische Wurzeln

- Das ist ein Glaube, der Berge umwerfen kann.

- Ja, deshalb ist die Erweckung mitten unter diesem Volk von vielen Heilungen begleitet. Jesus hat gesagt, dass Er die Kranken heilen würden, infolgedessen zweifelt der Zigeuner nicht daran. Es ist ein wirkender Glaube.  

Trotzdem sind die Zigeuner keine Unschuldslämmer. Das Zeugnis ihrer Bekehrung beruht manchmal auf einer schweren Vergangenheit und hat deshalb noch mehr Auswirkung. Sehr schnell sind Konventionen zustande gekommen, die heute 5 000 Wohnwagen, das heiβt zwanzigtausend Zigeuner versammeln. Die Behörden wurden eingeladen – Bürgermeister, Abgeordnete, „préfets“ von Regionen, Minister usw. Ich kann Ihnen sagen, dass die Zigeuner nicht zögerten, um ihnen von Jesus Christus zu erzählen. Sie haben einen Mut, der vielleicht bei anderen Christen von „herkömmlicheren“ Gemeinden nicht vorhanden ist. Da sie weder schreiben noch lesen können, ist „das arabische Telefon“ oder das direkte Zeugnis viel angebrachter als Prospekte, die in Briefkästen geworfen werden. Das Evangelium hat sich auf diese Weise schnell verbreitet. Seine Auswirkung war wichtig.

- Gibt es die Bibel in Zigeunersprache ?

- Ja, sie wurde in ihrer Gesamtheit von Mattéo Maximoff, einem bekannten Zigeunerschriftsteller, übersetzt. Es gibt andere Übersetzungen, ins Rumänische dank dem Prediger Chamu. Die Schwierigkeit bestand darin, in eine mündliche Sprache zu übersetzen. Es liegt aber auf der Hand, dass diese Bemühungen dazu beigetragen haben, das Wort Gottes in die Herzen und in die Geister der Zigeuner einzupflanzen, die dem Evangelium offen waren. Wir benutzen vor allem die Bibel in der Sprache des Landes, in dem die Zigeuner, an die wir uns wenden, leben und die sie meistens gut kennen.

Eine Priorität : Christus predigen

- Ich vermute, dass Sie sich nicht damit begnügt haben, Jesus Christus zu verkünden. Erzählen Sie von Ihrem Wirken danach.

Es ist notwendig, zuerst „Christus zu predigen“, wie die Apostel es selber sagten. Das ist für mich immer eine Priorität geblieben. Im Rahmen der Evangelikalen Zigeunermission beschränkt sich unser Wirken nicht auf eine materielle Hilfe, was zahlreiche humanitäre Organisationen in ihrem Bereich auf eine sehr wirksame Weise tun. Wir bringen mehr, Christus selbst. Unser erstes Ziel ist, von Christus zu sprechen, der das lebendige Brot vom Himmel ist. (4)

Man muss gut verstehen, dass es auβer Christus kein Heil für den Menschen gibt. Er ist auf die Erde gekommen, er hat arm gelebt, er hat die frohe Botschaft der Heils durch Gnade gebracht. Von sich selber sagte er : „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat.“ (5) Gott ist Liebe, diese Liebe hat sich durch die Gabe von Jesus Christus an die Menschen offenbart. Unsere Botschaft ist entscheidend für die Zukunft des Menschen. Christus ist nicht auf die Erde gekommen, nur um unsere Sünden zu tragen, um sie zu sühnen und um uns zu vergeben. Er ist auch auferstanden, er ist lebendig und wird uns jeden Tag begleiten.

Er gibt uns die Kraft, die uns nötig ist, um Seinem Weg zu folgen und Sein Evangelium zu verkünden. Der Apostel Paulus schrieb, dass wir in Christus die Fülle Gottes haben (6). Jesus gehört nicht einer Religion. Er steht sozusagen allen Menschen zur Verfügung, die Gott retten will. Jesus hat Seinen Jüngern selber gesagt, sie sollen in die ganze Welt gehen, die Menschen zu Jüngern machen und sie lehren, alle Gebote zu halten, die Er ihnen gegeben hat. (7)

Die Botschaft des Heils muss also gut verstanden werden. Wenn man selber nicht die Erfahrung der Bekehrung gemacht hat, wie könnte man dann den anderen Menschen die geistlichen Wirklichkeiten geben ? Es ist wichtig, die Grundlagen der Lehre mit der Erfahrung des Glaubens zu vereinbaren. Wenn man nicht nur bekehrt ist, sondern auch ein Jünger ist, dann kann man das weitergeben, was man bekommen hat. Der Apostel Paulus gibt seinem Gefährten Timotheus folgenden Rat : „Was du von mir gehört hast, das sollst du auch weitergeben an Menschen, die vertrauenswürdig und fähig sind, andere zu lehren.“ (8)

Alles beginnt bei Jesus-Christus. Wir verbreiten nicht die Lehre eines einfachen Menschen, eines Leiters oder eines Gurus. Wir verkünden das Evangelium des Sohnes Gottes. Wir stehen in Seinem Dienst und persönlich, indem ich im Dienst der Zigeuner stehe. Ich unterstelle mich der Autorität Jesu Christi, dem ich diene. Ich habe die Zigeuner gelehrt, nicht einem Menschen zu dienen, sondern dem Herrn. Ich bin nur ein einfaches Werkzeug in den Händen Gottes gewesen. Der Dienst besteht nicht nur darin, „Christus Seelen zu bringen“ (wie oft gesagt wird), sondern auch mich zu vergewissern, dass sie tatsächlich Wurzeln in Ihm haben.

Man braucht natürlich auch ein Minimum an Organisation. Wenn ein Grundstück gekauft werden konnte, wurde ein Kultus-Verein gegründet, damit es Sache eines Vereins wird, anders gesagt, einer Gemeinde, und nicht Sache eines Menschen.

Die Struktur der Zigeunermission besteht aus dem einzigen Grund : Ziel ist der Fortschritt des Evangeliums unter den Zigeunern. Die materielle Organisation bleibt nebensächlich, aufs Minimum beschränkt. Übrigens mögen die Zigeuner vor allem ihre Freiheit. Sie würden sich im Rahmen einer übertrieben präzisen Organisation gefangen fühlen.

Die Risiken des Nomadenlebens

- Was können Sie uns über die materielle Organisation und über die Beziehung der Zigeuner zu den Behörden sagen ?

- Am Anfang war es schwierig, vor allem durch das Problem des Stationierens. Der Status „Nomadenleben“ war nie wirklich akzeptiert worden. Unsere Aktion hatte also immer auch eine soziale Dimension. Ein Christ hat ja anderen Menschen, die in der Not sind, zu helfen. Ich habe einen anderen Verein mit sozialem Charakter ins Leben gerufen, der sich mit den Fragen des Stationierens beschäftigte. Viele andere Probleme waren – und sind noch heute – auf der Tagesordnung. Die Zigeuner haben es gelernt, mit den lokalen, regionalen und nationalen Behörden zu verhandeln. Die Situation ist heute viel besser als vor vierzig Jahren. Die noch nicht geklärten Fragen liegen jetzt eher auf europäischem Gebiet.

IV – EINE GEISTLICHE ERWECKUNG MIT SOZIALEN AUSWIRKUNGEN

- Kann man sagen, dass diese Erweckungsbewegung soziale Auswirkungen hatte und zu einer besseren Annahme der Zigeunerbevölkerung beigetragen hat ?

Ja, zweifellos. Das Evangelium ist « eine Macht des Lebens ». Seine Auswirkungen überschreiten den strikten Rahmen des Geistlichen. Ich gebe Ihnen nur ein Beispiel.

Den indischen Zigeunern zu Hilfe

Wir haben entschieden, etwas in Indien zu unternehmen, weil ich dort von der armseligen Situation der Zigeuner des Stammes der Narikoravas tief erschüttert war. Ein Dorfhäuptling war zu mir gekommen und hatte mir gesagt : „ Seht, unsere Kinder haben nur eine einzige Reismahlzeit pro Tag. Helft uns, ihnen eine zweite zu geben.“ Ich habe mit Christen darüber gesprochen und sie waren bereit, die Aktion zu unterstützen, die ich für die indischen Zigeuner in Gang setzen wollte. Dies drückte sich durch die Gründung eines ersten Pensionats aus. Heute verfügen wir über 18 Pensionate, wo wir 900 Zigeunerkinder empfangen, die wir aus der Hungersnot gerettet haben, dank einer Patenschaft. Hier sieht man wieder, dass das Evangelium zu Wohltaten führt.

- Haben Sie die Seßhaftigkeit der Zigeuner dadurch nicht begünstigt ?

- Nein, nicht unbedingt, weil wir « fahrende Gemeinden » haben. In der Tat haben die Zigeuner selbst entschlossen, seßhaft zu werden. Vom geistlichen Standpunkt aus schien es ihnen vorteilhafter. So konnten sie die Gemeinde regelmäßig besuchen. Dieser Prozess hat die Alphabetisierung begünstigt, also auch eine bessere Kenntnis der Bibel. Ich persönlich bin der Ansicht, dass die Reise weiter gehen soll. Ich bin gegen eine zu strikte Seßhaftigkeit. Die meisten sind sechs Monate im Jahr seßhaft und reisen die übrigen sechs Monate, wenn die Jahreszeit es möglich macht.

Bis ans Ende

- Sie sind 76 Jahre alt. Haben Sie aufgehört zu reisen ?

- Nein, letztes Jahr haben wir noch viele Reisen gemacht, eine nach England und nach Holland. Im Januar sind wir wieder nach Indien gereist, wo wir immer noch unseren Beitrag leisten. Vielleicht hören wir eines Tages auf, aber im Moment sind meine Frau und ich in einen aktiven Ruhestand getreten. Man muss bis ans Ende gehen. Der Pastor, der mir in der Stadt Le Havre das Evangelium verkündet hat und dank dem ich mich bekehrt habe, war zwanzig Jahre älter als ich. Wir sind zusammen für den Dienst Gottes nach Madagaskar gereist. Es war vor sechs Jahren ungefähr. Er war damals 90 Jahre alt. Mit der Gnade Gottes kann man immer weiter gehen als man glaubt ...

- Sie können mit Recht mit dem Leben, das Sie geführt haben, zufrieden sein. Ist es schließlich schwer, sich für andere nützlich zu machen ?

- Alles ist schwer, wissen Sie. Als ich noch jung war, wollte ich Schiffskapitän werden (mein Schulkamerad ist es geworden). Ich wäre durch die ganze Welt gereist. Jedes Engagement hat seine Zwänge. Letzten Endes bin ich viel gereist und habe obendrein die Freude gehabt, Christus unter allen Umständen zu dienen.

- Man muss einen Aufopferungsgeist haben, um Christus zu dienen, nicht wahr ?

- Gewiss, aber wenn man Ihn liebt, so ist man glücklich, Ihm zu dienen, auch wenn es Unannehmlichkeiten gibt. Man tut es aus Liebe zu Ihm und zu den anderen Menschen, nicht um irgendeine Dankbarkeit oder irgendeinen Ruhm daraus zu ziehen. Wenn man diese richtige Einstellung hat, glauben Sie mir, gibt es immer Gelegenheiten, nützlich zu sein. Man wird bestimmt um sich herum Menschen sehen, die die heilende Gegenwart Christi brauchen und die wir ihnen verkünden können. Es kommt weder auf das Alter noch auf die Kompetenzen an. Wenn wir entschieden sind, dem Weg Christi zu folgen, gibt es mindestens eines, was wir tun können : beten und Zeugnis von der Liebe Gottes, die wir erhalten haben, ablegen. Man muss durchhalten, um wie Paulus am Ende seines Lebens sagen zu können : „ Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet und bin im Glauben treu geblieben.“ (9)

Ein paar Einzelheiten mehr ...

- Die Mengen, die Jesus umgaben, waren vor allem an den körperlichen Heilungen interessiert. War die Motivation der Zigeuner für die Person Jesu dieselbe ?

- Ich denke nicht. Die erste Gemeinde stützte ihren Glauben auf einen handelnden Christus. Nach Pfingsten – nach der Gabe des Heiligen Geistes – legten selbst die Apostel die Hände auf und Wunder geschahen im Namen Jesu. Denken Sie nur an den Apostel Petrus, dessen Schatten die Kranken heilte. (10)

- Das Wunder gehörte zur Botschaft, die von den Aposteln verkündet wurde, und ich denke, dass man sich von diesem Geist, der die Gemeinde der ersten Jahrhunderte belebte, inspirieren sollte. Der Glaube der Zigeuner beruht auf der Person Jesu Christi und auf der Macht Gottes, nicht auf den Wundern selbst. In diesem Sinne kann man sagen, dass sie selbstlos waren. Und wenn Wunder geschehen, dann ist Christus derjenige, der sie vollbringt.

- Die Zigeuner haben die Prediger nie als Heiler, sondern als Gottes Gesandte betrachtet, das ist völlig verschieden. Sie wissen, dass Christus sie heilt, wir haben das immer stark betont : Christ rettet und heilt, kein anderer. Er steht in der Mitte unserer Botschaft, unserer Aktion und unseres Herzens.

- Ich möchte noch hinzufügen : es genügt nicht zu debattieren, alles erklären zu wollen, um es besser anprangern oder lächerlich machen zu können. Die Zigeuner haben dieses Verdienst, dass sie nie das Intellekt gepriesen haben. Das Intellekt hat seinen Nutzen und seinen Sinn, wenn man es aus gutem Grund benutzt. Es fällt ihnen vielleicht leichter, Christus und dem Evangelium ihr Herz zu öffnen. Unsere materialistischen Gesellschaften haben es da immer schwerer. Die Frage bleibt offen und sie betrifft uns alle : dürstet es uns wirklich nach Gott ?

1 Markus 16 : 16

2 Titus 1 : 5

3 Apostelgeschichte 16 : 9

4 Johannes 6 : 51

5 Johannes 3 : 16

6 Kolosserbrief 2 : 10

7 Matthäus 28 : 19-20

8 2. Timotheus 2 : 2

9 2.Timotheus 4 : 7

10 Apostelgeschichte 5 : 12-16, besonders 15